Psychiatrische Erkrankungen vom Stoffwechsel her verstehen – neue Erkenntnisse zur GLP1-Wirkung machen Hoffnung auf bessere Behandlung und Prävention

Eine aktuelle Studie in The Lancet Psychiatry liefert einen bemerkenswerten Befund: Menschen mit Schizophrenie und Typ-2-Diabetes, die eine Behandlung mit sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten begannen, mussten im Beobachtungszeitraum seltener wegen psychiatrischer Krisen ins Krankenhaus oder in die Notaufnahme.

Für mich ist das ein weiterer Anlass, eine Perspektive ernst zu nehmen, die sowohl in der Erforschung psychiatrischer Erkrankungen und deren Behandlung, aber auch in der psychosozialen Praxis noch mehr Aufmerksamkeit verdient: Psychische Erkrankungen und Stoffwechselprozesse scheinen enger miteinander verbunden sein, als wir lange angenommen haben.

Könnte die berühmte „Abnehmspritze“ in der Psychiatrie helfen?

GLP-1-Rezeptoragonisten sind Medikamente, die ursprünglich vor allem zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt wurden. Inzwischen sind sie auch als Medikamente zur Behandlung von Adipositas bekannt – vielen unter dem Begriff „Abnehmspritze“. Zu den Wirkstoffen gehören beispielsweise Semaglutid und Liraglutid. Sie beeinflussen unter anderem die Blutzuckerregulation und das Sättigungsgefühl. Mittlerweile wird intensiv untersucht, ob sie auch für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen von Bedeutung sein könnten.

Die aktuelle Studie von Davoodian und Kolleginnen und Kollegen wertete Gesundheitsdaten von 70.257 Erwachsenen mit Schizophrenie und Typ-2-Diabetes in den USA aus. 9.093 von ihnen begannen eine Behandlung mit GLP-1-Rezeptoragonisten. Bei diesen Menschen war die Rate psychiatrischer Krankenhauseinweisungen um 24 Prozent und die Rate psychiatrischer Notfallbesuche um 29 Prozent niedriger als bei Menschen, die keine solche Behandlung begannen.

Wichtig ist die wissenschaftliche Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang, beweist aber noch nicht, dass die Medikamente selbst die psychiatrischen Krisen verhindert haben. Dafür sind weitere Untersuchungen notwendig. Trotzdem ist das Ergebnis interessant. Es fügt sich in eine wachsende Forschung ein, die den Zusammenhang zwischen Stoffwechsel, Gehirn und psychischer Gesundheit untersucht, die metabolische Psychiatrie.

Was der Stoffwechsel mit unserer Psyche zu tun hat

Unser Gehirn benötigt große Mengen Energie. Damit Nervenzellen funktionieren und miteinander kommunizieren können, müssen ihnen Energie und wichtige Nährstoffe zur Verfügung stehen. Dabei spielen unter anderem Glukose, Insulin, die Mitochondrien als Energieproduzenten der Zellen eine Rolle.

Bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen werden Stoffwechselauffälligkeiten vergleichsweise häufig beobachtet. Dazu gehören beispielsweise Insulinresistenz, Veränderungen des Fettstoffwechsels und ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes.

Dabei ist noch nicht abschließend geklärt, welche Veränderungen Ursache, Folge oder verstärkender Faktor einer psychischen Erkrankung sind. Auch Medikamente und die Lebensbedingungen der Betroffenen können den Stoffwechsel nachteilig beeinflussen, aber es deutet vieles daraufhin, dass bei vielen bereits vorher die Problematik bestand.

Stoffwechselparameter von psychiatrisch erkrankten Menschen rechtzeitiger untersuchen

Wir können nicht pauschal behaupten, Schizophrenie oder andere schwere psychiatrische Erkrankungen seien Stoffwechselerkrankungen. Aber wir sollten den Stoffwechsel als möglichen größeren Einflussfaktor sehr ernst nehmen und besser bei Menschen, die psychiatrisch erkrankt sind, untersuchen.

Derzeit wird ärztlicherseits der Stoffwechsel erst genauer abgeklärt, wenn die Nüchternglukose auffällig ist und der Langzeitblutzuckerwert HbA1c. Dieser Wert gibt an, wie viel Prozent des roten Blutfarbstoffs (Hämoglobin) in den letzten 8 bis 12 Wochen chemisch mit Zucker verbunden waren. Er zeigt also den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel über diesen Zeitraum. Wie gut Glukose noch verstoffwechselt werden kann, wie hoch also bereits die Insulinresistenz der Zellen ist, zeigt er nicht an. Diese kann durch eine Glukosebelastungstest erfolgen, der aber erst bei auffälligen HbA1c-Werten – wenn überhaupt – gemacht wird. Über einen Glukose-Tracker, der privat erworben werden kann, kann jeder auch selbst beobachten, wie hoch die Glukoseausschläge sind und vor allem wie schnell diese nach dem Essen wieder abgebaut wird. Allerdings misst sie nicht die Insulinausschüttzung. 

Weitere Ähnlichkeiten zu psychiatrischen Erkrankungen – Stoffwechselrisiken sind erblich

Ein weiterer Aspekt ist mir besonders wichtig: Die Voraussetzungen für unsere Stoffwechselgesundheit sind nicht bei allen Menschen gleich. Genau wie bei psychiatrischen Erkrankungen wird davon ausgegangen, dass es ererbte Faktoren gibt. Diese beeinflussen beispielsweise, wie anfällig jemand für Insulinresistenz, Übergewicht oder Typ-2-Diabetes ist. Eine Übersichtsarbeit in The Lancet Diabetes & Endocrinology beschreibt, dass die genetische Veranlagung bei Typ-2-Diabetes eine erhebliche Rolle spielt. Familien- und Zwillingsstudien zeigen ebenfalls, dass viele Stoffwechselmerkmale erblich mitbedingt sind. Genau wie bei psychiatrischen Erkrankungen wird aber davon ausgegangen, dass eine ungünstige Stoffwechselsituation nicht zwangsläufig vererbt wird oder dass die Entwicklung eines Kindes bereits feststeht. Neben genetischen Faktoren spielen auch Schwangerschaftsbedingungen, Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und das familiäre sowie soziale Umfeld eine Rolle.

Der Stoffwechsel von Kindern verdient mehr Aufmerksamkeit

Nicht nur die psychische Gesundheit aller Kindheit verschlechtert sich, sondern vor allem auch ihre metabolische. Vielleicht hängt beides entscheidend zusammen. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung aus Deutschland analysierte mehr als 1,49 Millionen klinische Untersuchungen von Kindern und Jugendlichen zwischen vier und 16 Jahren aus den Jahren 2002 bis 2023. Die Forschenden fanden einen langfristigen Anstieg schwerer Adipositas, insbesondere bei Jugendlichen. Die COVID-19-Pandemie verstärkte diese Entwicklung zusätzlich; bei älteren Kindern, besonders Mädchen, waren erhöhte Werte auch 2023 noch erkennbar. Übergewicht allein ist zwar nicht gleichbedeutend mit einer Stoffwechselerkrankung. Es kann aber das Risiko für Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes und weitere gesundheitliche Probleme erhöhen.

Auch eine europäische Untersuchung von Kindern aus acht Ländern zeigt, dass familiäre Faktoren wie die elterliche Stoffwechsel- und Gewichtssituation mit ungünstigen Biomarkerprofilen bei Kindern zusammenhängen können.

Wir sollten also sowohl die genetische Veranlagung als auch die Lebensbedingungen berücksichtigen. Und wir sollten Stoffwechselprobleme nicht erst dann ernst nehmen, wenn sich bereits eine Folgeerkrankung entwickelt hat. Vielleicht sind sie ein entscheidender Schlüssel für mehr psychische Gesundheit.

Was das für unsere Arbeit bedeutet

Für die (Kinder-)Psychiatrie wäre eine Kooperation mit der Endokrinologie und Diabetologie sowie den Ernährungs- und Sportwissenschaften dringend erforderlich – in Forschung, Behandlung und Prävention. 

Bei schweren psychischen Erkrankungen sollten körperliche Gesundheitsrisiken systematisch berücksichtigt werden. In psychiatrischen Einrichtungen sollte Ernährung als Teil der Behandlung standardisiert mitgedacht werden. Interventionen wie die GLP1-Therapie und ketogene Ernährung sollten als mögliche Ansätze schwerer psychiatrischer Erkrankungen weiter untersucht werden und bei weiterhin positiven Ergebnissen dringend in die Behandlungsleitlinien aufgenommen und auch für gesetzlich versicherte finanziert werden.

In der Prävention sollten wir die Bedingungen stärken, unter denen Kinder gesund aufwachsen können und aufhören, Körper und Psyche zu trennen. Wichtige Parameter sind verlässliche Beziehungen, Entlastung bei chronischem Stress, ausreichend Schlaf, Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und ein früher Zugang zu medizinischer und psychosozialer Unterstützung.

Für die psychosoziale Praxis ist wichtig, die mögliche Bedeutung des Stoffwechsels im Hinterkopf zu haben. Ich plädiere außerdem alles, was eine Insulinresistenz nachweislich fördert, aus öffentlich finanzierten Angeboten zu entfernen. Das betrifft Limonaden, Säfte, hochverarbeitete Lebensmittel, Süßigkeiten aller Art und Weißmehlprodukte. Den KlientInnen lieber Karottensticks und Nüsse (wenn keine Allergie vorliegt) anzubieten anstatt Kekse und Salzstangen. Wasser mit einer Scheibe Zitrone, Orange oder Tee in all seinen Varianten statt Limo und Säfte.

Gleiches gilt für Angebote, in die Kinder mit psychisch erkrankten Eltern unterstützen. Hier haben wir eventuell einen guten Ansatzpunkt in der Prävention betroffener Kinder.


Wissenschaftliche Quellen

1. Die zentrale Studie

Davoodian N. et al. (2026): GLP-1 receptor agonist initiation and risk of psychiatric hospitalisation and emergency department presentation in adults with schizophrenia and type 2 diabetes in the USA: an observational cohort study using electronic health records data. The Lancet Psychiatry, Originalstudie lesen

2. Genetische Veranlagung bei Typ-2-Diabetes

Dissection of type 2 diabetes: a genetic perspective. (2025)
The Lancet Diabetes & Endocrinology, Übersichtsarbeit lesen

3. Entwicklung schwerer Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Berisha A., Kiess W. et al. (2025): From Childhood to Adolescence: Long-Term Trends in Severe Obesity in German Youth (2002–2023), Originalarbeit lesen

4. Familiäre Faktoren und Stoffwechselgesundheit europäischer Kinder

Transition of clinical biomarker status from childhood into adolescence – A prospective study in children from eight European countries. (2025), Originalarbeit lesen

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