Erwachsen gewordene Kinder

Erwachsen gewordene Kinder

Mit der Volljährigkeit ist grundsätzlich jeder Mensch für seinen weiteren Lebensweg verantwortlich. Die Startchancen der Volljährigen sind sehr unterschiedlich – auch in Deutschland. Die als Kind erlebten Beziehungen zu Erwachsenen, die Kindern nahe stehen wie Eltern, andere Verwandte, aber auch LehrerInnen/ErzieherInnen prägen das Menschen- und damit auch Weltbild des jungen Erwachsene. Konnte ein Mensch als Kind keine einzige Beziehung erleben, die von Wertschätzung und Verständnis für ihn konstant geprägt war, wird sein Vertrauen in Menschen nachhaltig erschüttert. Je nach Veranlagung reagiert er unterschiedlich darauf. Als Erwachsener, der allein für sich entscheiden kann und über ausgeprägte kognitive Fähigkeiten verfügt, kann er nun – notfalls mit Hilfe (siehe Vorschläge weiter unten) – sich andere Beziehungen suchen und bestenfalls neue heilsame Beziehungserfahrungen machen.

Als Erwachsener ist er fast unabhängig von seinen Eltern. Fast, denn z.B. bei Bafög-Anträgen braucht er z.B. Auskünfte von ihnen. In meiner Beratung habe ich immer wieder gehört, dass diese einigen erwachsenen Kindern von ihren erkrankten Eltern verweigert wurden, so dass sie erneut zusätzliche Anforderungen zu bewältigen hatten.

Im Schatten der Kindheit – der steinige Weg ins eigene Leben

Wenn Elternteile allerdings schwerwiegend chronisch psychisch erkrankt und weiterhin auf Unterstützung durch ihre Kinder angewiesen sind, kann die Loslösung von Zuhause und der Aufbau eines eigenen Lebens hohe Anforderungen an einen Menschen stellen. Das betrifft vor allem Menschen, die seit ihrer Kindheit für ihre erkrankten Eltern sorgen – emotional und/oder praktisch, anstatt als Kinder selbst versorgt worden zu sein. Die Spuren dieser emotionalen Unterversorgung bei häufig gleichzeitiger Versorgung eines anderen werden oft erst im Laufe der Jahre für Außenstehende und für einen selbst sichtbar. Im Erwachsenenleben angekommen, sollen diese erwachsen gewordenen Kinder nun ihr Leben „im Griff haben“ und sich eine berufliche Perspektive schaffen, vielleicht sogar eine eigene Familie gründen und für eigene Kinder sorgen. Wenn psychiatrisch erkrankte Elternteile aber weiterhin unversorgt sind, ist das eine enorme Anforderung, die diesen betroffene Menschen zu bewältigen haben. Es geht dabei nicht um eine Unterstützung, sondern um eine Entlastung der Kinder. Unterstützung benötigen die Eltern. – so treffend formuliert es Naema Gabriel, die Autorin des Jugendbuches „Sinus“, die selbst bei einer Mutter mit bipolarer Störung aufgewachsen ist:

Die offizielle Verantwortung für die eigenen Eltern – als gesetzlicher Betreuer oder durch eine finanzielle Inanspruchnahme

Manchmal sollen Kinder, die erwachsen geworden sind, nun sogar offiziell die Verantwortung für ihre chronisch psychisch schwerwiegend erkrankten Eltern im Rahmen einer gesetzlichen Betreuung für ihre Eltern übernehmen. Darüber hinaus droht einigen trotz ihrem teilweisen und vollständigen Ausfall ihrer erkrankten Eltern eine finanzielle Inanspruchnahme, denn auch Kinder haften für ihre Eltern. Nicht einmal, wenn betroffene Kinder zeitweise bei Pflegeeltern aufgewachsen sind, ist es selbstverständlich, sie von dieser Bürde zu befreien wie das Beispiel dieses jungen Mannes zeigt, der nun für seine an Schizophrenie erkrankte Mutter finanziell sorgen soll:

Gefahr einer eigenen psychischen Erkrankung & die Angst davor

Das Wissen über die Ursachen der Erkrankung ihrer Eltern, das Erwachsene (und Jugendliche) haben, kann belasten – vor allem, wenn es nach aktuellem Stand der Wissenschaft eine genetische Veranlagung für die Erkrankung des Elternteils gibt wie bei Schizophrenie und bipolarer Störung. Bislang gibt es leider wohl noch keine Möglichkeit, testen zu lassen, ob diese geerbt wurde oder nicht. Da Stress als Auslöser auch bei diesen Erkrankungen gilt, sind die Kinder erkrankte Eltern, die mit ihren Eltern aufgewachsen sind und/oder sich noch als Erwachsene um diese kümmern, ganz besonders gefährdet, an diesen zu erkranken.

Hier berichtet ein Sohn eines an Schizophrenie erkrankten Vaters über sein Aufwachsen und seine eigene Erkrankung im SWR-Nachtcafé am 11.10.2019 ab Min. 21:


Das bedeutet aber im Umkehrschluss aber nicht, dass Kinder nicht über die Ursachen nach aktuellem Stand der Wissenschaft informiert werden sollten – auch wenn das Angst vor einer eigenen Erkrankung dadurch natürlich steigt. Daher ist es wichtig in diesem Zusammenhang auf diese einzugehen.

Wichtige Themen für Gespräche in diesem Zusammenhang für Kinder aller Altersstufen sind

  • Selbstwahrnehmung des Kindes/erwachsenen Kindes erfragen:
    Gibt es etwas, dass das Kind an sich wahrnimmt, das es als (erstes) Symptom einer eigenen Erkrankung einstuft?
    Je nach geschildertem Symptom kann das Kind sofort von einem Laien beruhigt werden oder ihm wird angeboten/angeraten, das von einem Psychiater abklären zu lassen bzw. sich von ihm beruhigen zu lassen.
  • Wenn möglich: Beruhigende Rückmeldung des Gesprächspartners:
    Ich habe nichts an dir wahrgenommen, dass du eine Krankheit wie dein Elternteil entwickelst. – sofern diese Einschätzung der Wahrheit entspricht.
  • Einer eigenen Erkrankung so gut wie möglich vorbeugen:
    Was kann ich machen, um dieser so gut wie möglich vorzubeugen?
  • Über eigene Gefährdung einer Erkrankung seine Vertrauenspersonen informieren und bitten, einen anzusprechen, sollten sie  Symptome wahrnehmen. Wenn jemand ein Kind bekommt, kann eine erwachsene Tochter z.B. auch einen entsprechenden Vermerk im Mutterschaftspass anregen.
  • Informieren über Behandlungsmöglichkeiten:
    Grundsätzlich gilt, dass auch schwere psychische Erkrankungen überwiegend gut behandelbar sind, wenn sich jemand möglichst frühzeitig in Behandlung begibt.
  • Wenn die Angst vor einer eigenen Erkrankung trotzdem kommt:
    Sie annehmen. Sie ist verständlich. Respekt vor einer schweren Erkrankung zu haben, für die jemand eventuell eine Veranlagung hat, ist normal. Hinzu kommt, wenn jemand erlebt hat, welche weitreichende Auswirkungen eine diese Erkrankung auf das Leben des Erkrankten und sein Familienleben haben kann. Nur bestimmt werden von dieser Angst sollte dein Leben nicht. Das was du machen kannst (vgl. vorbeugende Maßnahmen) machst du. Mehr geht nicht. Dann ist Ablenkung mit den schönen Dingen des Lebens ein wichtiger Punkt und sind alle Methoden hilfreich, um seine katastrophisierenden Gedanken zu stoppen.
    Das Gespräch mit jemand anderem – einem ebenfalls betroffenen erwachsenen Kind, einer vertrauten Person oder der Telefonseelsorge – kann ebenfalls beruhigen und entlasten.
Was Erwachsenen, die mit psychisch erkrankten Eltern aufgewachsen sind, helfen kann, ihre Anforderungen besser zu bewältigen

Zum offenen Umgang in der Öffentlichkeit, psychisch erkrankte Elternteile zu haben

Die Gründerin der Initiative Katja Beeck ist zunächst offen mit ihrem persönlichen Zugang zum Thema umgegangen, da sie ihn zusammen mit ihren fachlichen Kompetenzen in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Recht, Jugendhilfe, Psychiatrie und Selbsthilfe als hohes Potenzial empfindet. Ihre „Doppelrolle“ (Fachkraft und Mensch mit Selbsterfahrung)

  • verleiht ihr eine hohe Authentizität
  • unterstützt ihre praxisnahe Sichtweise und
  • ermöglicht ihr, neue Impulse in die Diskussion zum Thema in die Fachwelt einfließen zu lassen.

Es war ihr wichtig, ihren Zugang offen zu kommunizieren. Sie wollte ein Zeichen gegen die Stigmatisierung der Kinder und ihrer Familien setzen und andere erwachsen gewordene „Kinder“ dazu ermuntern, ebenfalls das Tabu zu brechen. Immer wieder sprachen sie Klinikleiter, Psychiatriepfleger oder Sozialarbeiter auf Fachtagungen an und erzählten ihr unter vier Augen, dass sie ebenfalls Töchter oder Söhne psychisch erkrankter Eltern sind. Aus Angst, von Menschen aus den eigenen Reihen als „befangen“, „inkompetent“ oder „gestört“ angesehen zu werden, wollten sie nicht, dass dies in ihrem Team bekannt wird.

Leider sind diese Ängste nicht immer unbegründet. Nicht nur psychisch kranke Menschen, sondern auch deren Angehörige können unter Stigmatisierung leiden. Bevor man jemandem, der offen mit seinen persönlichen Erfahrungen umgeht, das Stigma der „eigenen Betroffenheit“ aufdrückt, sollte man sich Folgendes bewusst machen: Bei jeder Berufswahl spielt der persönliche Hintergrund eine Rolle. Jede Fachkraft hat eine persönliche Geschichte und muss sich bei der Arbeit mit anderen Menschen der Gefahr einer Übertragung bewusst zu sein und ihr Handeln gut reflektieren. Das macht fachliche Kompetenz aus. Wer eigene, schwierige Lebensumstände und Lebenskrise meistert, kann daraus auch Potenziale entwickeln und diese im Idealfall später in seinen Beruf auf die ein oder andere Weise integrieren. Außerdem ist er ein wichtiges Vorbild für nächste Generation.

Prominente, die psychisch erkrankte Elternteile haben

In den letzten Jahren haben auch prominente Menschen bekannt gemacht, dass ihre Elternteile psychisch erkrankt waren bzw. sind. Dadurch können sie zu Vorbildern für die nächste Generation werden, wenn sie zeigen, dass sie trotz der Erkrankung ihrer Elternteile ihren Weg gefunden haben.

Hape Kerkeling
Der bekannte deutsche Komiker, Entertainer und Sänger hatte eine Mutter, die an Depressionen erkrankte und sich das Leben nahm, als Hape Kerkeling acht Jahre alt war . Sein autobiografischer Roman „Der Junge muss an die frische Luft – Meine Kindheit und ich“ erschien 2016. 2019 wurde sein Buch verfilmt. Hape Kerkeling unterstützt das Projekt „Wellengang“ der Aladin gGmbH in Hamburg, das sich an Familien mit psychisch erkrankten Eltern wendet.

Katharina Ohana
Die Psychologin, Moderatorin, Autorin und Model wuchs mit einer Mutter auf, die an Depressionen litt. Ihr Buch „Ich, Rabentochter“ ist eine Autobiografie.
Interview zu ihrem Buch „Ich, Rabentochter“ im Stern 2006

Nova Meierhinrich
Die Moderatorin hatte einen Vater, der an schweren Depressionen litt und nach vielen Jahren Suizid beging. Sie hat das Buch „Wenn Liebe nicht reicht – wie die Depression mir meinen Vater stahl“ geschrieben.
Weitere Informationen

Heinz Strunk
Der Bestsellerautor wuchs mit einer Mutter auf, die unter Psychosen litt.
2013 gab er dazu der Hamburger Morgenpost ein Interview.

Elisabeth Ruge
Die Verlegerin wuchs mit einer psychisch erkrankten Mutter auf, die an einer bipolaren Störung litt. Ihr Rückhalt war ihre Familie, die sich die Last teilte.
Im Interview mit Luis Lewitan 2012 in der Zeit: „Jeder musste ein wenig von der Last tragen.“
Interview 2013 im tipBerlin: Elisabeth Ruge über das Leben mit psychisch kranken Eltern

Detlef D! Soost
Der erfolgreiche Tänzer, Choreograf, Coach und TV-Moderator, hatte eine Mutter, die an einer bipolaren Störung erkrankt war und starb, als er 13 Jahre alt war. Er wuchs in einem Heim in der DDR auf. 2006 erschien seine Autobiografie „Heimkind – Neger – Pionier. Mein Leben.“

Prinz Philip
Zufällig bin ich darauf aufmerksam geworden, dass Prinz Philip, der 2021 verstorbene Mann der heutigen Queen Elisabeth II, wahrscheinlich eine an einer paranoiden Schizophrenie erkrankte Mutter hatte. Alice von Battenberg, so hieß seine Mutter, wurde wohl sogar von Sigmund Freud in der Schweiz mit aus heutiger Sicht sehr bizarren Therapieansätzen behandelt. Prinz Philip ist – seit er 7 Jahre alt war – bei seiner Großmutter aufgewachsen. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3

Silvia Seidel
Neben aller ermutigenden Beispiele zeigt das Beispiel der Schauspielerin Silvia Seidel aber auch, dass es nicht immer gut ausgeht: Die Schauspielerin – vielen als Kinderstar der Weihnachtsserie „Anna“ aus den 80er Jahren noch bekannt – wuchs mit einer  an Depressionen erkrankten Mutter auf. Diese nahm sich das Leben, als Silvia Seidel 12 Jahre alt war. Leider wurde Silvia Seidel mit ihrem Schicksal nicht fertig und nahm sich 2012 ebenfalls das Leben. Ein Schicksal, das bewegt.

Hier ein Zusammenschnitt von Interviews mit Silvia Seidel, in denen sie über die Erkrankung ihrer Mutter spricht:

Wichtig: Bei Suizidgedanken und -absichten gibt es Hilfe.
Alle Anlaufstellen finden Sie bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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