Suizid(versuch) von Eltern vorbeugen und mit Suizidgedanken hilfreich umgehen

Durch Suizide sterben immer noch mehr Menschen jährlich in Deutschland als durch Verkehrsunfälle. Symptome psychischer Erkrankungen sind zu rund 90 Prozent Auslöser von Suizidhandlungen – allen voran die Hoffnungslosigkeit bei Depressionen. Daher thematisiere ich das Thema „Suizidgedanken“ und ein hilfreicher Umgang mit ihnen durch Außenstehende immer, wenn ich Fachkräfte aus Jugendhilfe und anderen Einrichtungen fortbilde.

Handlungsleitfäden zum hilfreichen Umgang mit Suizidgedanken gehören in jede Einrichtung – ganz besonders in die Jugendhilfe.

Außerdem rege ich in meinen Seminaren die Leitungsebene stets an, wichtige Fakten zum Thema und einen Handlungsleitfaden dazu im Nachgang mit dem Team zu erstellen und in den Qualitätsstandards zu verankern. Ein solcher Faden fehlt leider in der Regel selbst in Einrichtungen der Jugendhilfe oder er ist überarbeitungsbedürftig. Die Hinweise beschränken sich häufig darauf, dass bei Suizidgedanken „eine Grenze erreicht ist“ und zügig der Sozialpsychiatrische Dienst eingeschaltet werden sollte bzw. bei Jugendlichen der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst.

Sich mit dem Thema Suizid(versuch) auseinander zu setzen, ist verständlicherweise unangenehmer als über Stärkung von Kindern zu sprechen

Es ist verständlich, dass über Suizidgedanken mit anderen Menschen zu sprechen belastet ist und jeder gerne in diesem Zusammenhang Verantwortung so schnell wie möglich abgeben möchte. Allein über das Thema nachzudenken, ist für viele Menschen bereits belastend. Das merke ich in meinen Seminaren mit Fachkräften der Jugendhilfe. Doch es totzuschweigen ist noch schlimmer – vor allem für die KollegInnen, die dann in der Realität damit konfrontiert werden und extrem unsicher sind, wie sie sich hilfreich verhalten können.

Fakten zu Suizid(versuchen)

Den aktuellen Beitrag im Deutschen Ärzteblatt 3/2024 greife ich auf, um ein paar Fakten zu Suiziden und eine hilfreiche Gesprächsführung in diesem Zusammenhang noch bekannter zu machen:

  • Suizid ist keine Seltenheit: Täglich nehmen sich knapp 30 Menschen in Deutschland das Leben.
  • Immerhin hat sich im Vergleich zu 1980 die Suizidrate fast halbiert, was wahrscheinlich an der Entstigmatisierung von Depressionen liegt und deren häufigeren Behandlung.
  • Mehr Männer – insbesondere ältere Männer – sterben an Suiziden als Frauen. Das liegt an den gewählten Suizidmethoden, die bei Männern deutlich tötlicher sind als bei Frauen, die sich am meisten durch Medikamente versuchen zu vergiften.
  • Allerdings ist die Suizidversuchsrate von Frauen – insbesondere jungen Frauen – deutlich höher als die von Männern.
  • Wer bereits einmal einen Suizidversuch unternommen hat, unternimmt schneller einen nächsten.
  • Nicht nur Depressionen, sondern auch Psychosen und insbesondere die psychotischen depressive Zustände gekennzeichnet durch Verarmungswahn, hypochondrischer Wahn oder Schuldwahn, aber auch eine Borderline-Störung und Suchterkrankungen erhöhen das Risiko.
  • Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, wollen nicht sterben, sondern ihren aktuellen Leidenszustand beenden. – das berichten Suizidüberlebende.
  • Jemanden auf Suizidgedanken anzusprechen, bringt keinen erst darauf, sich das Leben nehmen zu wollen. 
  • Nur weil jemand über Suizidüberlegungen spricht, bedeutet das nicht, dass er diese nicht auch umsetzen wird.
  • Nicht jede Suizidüberlegung endet in einem Suizidversuch. Es gilt die Faustregel: Je konkreter die Überlegungen von jemandem bereits sind, desto gefährdeter ist jemand. Gibt es zusätzliche Warnsignale, ist die Gefahr noch einmal höher einzuschätzen.

Warnsignale – Was Sie hellhörig werden lassen sollte

Folgende Verhaltensweisen können Warnsignale sein, die Sie Aufhorchen lassen sollten:

  • große Hoffnungslosigkeit, starke Schuldgefühle, auffälliger sozialer Rückzug
  • Angelegenheiten werden geordnet, es wird Abschied genommen
  • Äußerungen wie „Ich halte das nicht mehr aus.“ oder „Ohne mich wären alle besser dran.“
  • Starke Impulsivität bzw. geringe Impulskontrolle

Mit Suizidüberlegungen von anderen hilfreich umgehen

Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er das Thema von sich aus anspricht, wenn er sich um jemanden dahingehend Sorgen macht oder nicht. Ich möchte nur jeden ausdrücklich dazu ermutigen, denn es kann Leben retten. Allein ein Gespräch über die Überlegungen kann Betroffene bereits entlasten und ihr Risiko senken (manchmal aber auch nicht ausreichend genug). Daher ist es wichtig, das individuelle Risiko gut einzuschätzen und sich bei Bedarf mit Fachkräften der Psychiatrie z.B. Sozialpsychiatrischer Dienst beraten zu lassen.

Wichtig ist bei solchen Gesprächen eine Zweiteilung:

  1. Individuelles Suizidrisiko einschätzen
  2. Schritte zur Prävention eines Suizids anbahnen

Gesprächseinstieg

Als Gesprächseinstieg ist geeignet

  • eine Bemerkung des Klienten aufzugreifen und nachzuhaken oder
  • seine Beobachtungen zur Stimmung o.ä. des Klienten diesem mitzuteilen und seine Sorgen darüber zu äußern.

Risiko einschätzen

Dabei ist es wichtig, sich genug Zeit für die Einschätzung des Risikos zu nehmen und erst dann Maßnahmen zu treffen.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt 3/2024, online: https://www.aerzteblatt.de/archiv/237310/Suizidalitaet-Fruehzeitig-erkennen

Anmerkungen zur obigen Tabelle:

Ich würde die Risikoeinschätzung um eine Skallierungsfrage ergänzen, wenn ich mitbekomme, dass jemand überlegt, sich das Leben zu nehmen: Wie hoch auf einer Skala von 1 bis 10 ist derzeit die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich das Leben nehmen?

Das hat den Vorteil, dass bei der Ressourceneinschätzung nicht „Gibt es etwas, dass Sie am Leben hält?“ gefragt werden muss, sondern jemand gezielter auf seine Ressourcen aufmerksam gemacht werden kann. Denn wenn jemand nicht mit „10“ geantwortet hat, hält ihn offenbar noch etwas am leben. Das herauszufinden ist wichtig. Außerdem können so Gefährdungsmomente gut erkannt werden. Wenn z. B. ein Kind einen Elternteil am Leben hält und das Kind zur Entlastung des erkrankten Elternteils oder zum Schutz des Kindes aus der Familie genommen wird, ist dadurch deutlich, dass jetzt ein extremer Gefährdungsmoment entsteht.

Maßnahmen zur Suizidprävention

Auf jeden Fall sollte ein Notfallplan entwickelt werden. An wen wendet sich der Betroffene, wenn die Suizidgedanken für ihn unkontrollierbar werden? Wo kann er sich entlasten? Selbstverständlich gehören hier die Telefonnummern vom Sozialpsychiatrischen Dienst und der jeweiligen psychiatrischen Klinik bzw. deren Notaufnahme dazu.

Wenn Einsamkeit die Ursache für die Gedanken ist: Welche Kontakte kann er mit wessen Hilfe reaktivieren? Wo kann er neue Kontakte schließen?

Ob ein Anti-Suizid-Vertrag oder -Absprache sinnvoll ist, ist nicht eindeutig zu beantworten. Wenn eine Anti-Suizid-Vereinbarung mündlich oder schriftlich geschlossen wird, sollte vor allem um die Fürsorge im Mittelpunkt stehen und nicht die juristische Absicherung der Fachkraft.

Hinweis zum Beitrag

Dieser Beitrag erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit. Er ist auch nicht 100%ig identisch mit meinem Handout, das ich SeminarteilnehmerInnen aushändige. Er sollte eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglichen.

 

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