Depressionen werden traditionell als Störung zwischen Neurotransmittern verstanden. Neue Forschung zeigt jedoch, dass ein Teil depressiver Erkrankungen mit Störungen des Energie- und Stoffwechselsystems im Gehirn zusammenhängen könnten. Dieses Forschungsfeld wird als metabolische Psychiatrie bezeichnet und untersucht zwei zentrale Mechanismen:
- Energieproduktion der Nervenzellen (ATP/Mitochondrien)
- Glukose- und Insulinstoffwechsel
Beide Systeme beeinflussen, wie das Gehirn Energie bereitstellt und nutzt, sind aber verschiedene Ansatzpunkte, die erklären könnten, warum manche Menschen anfälliger für Depressionen sind.
1. Energieproduktion im Gehirn: ATP und Mitochondrien
Das Gehirn macht nur etwa 2 % des Körpergewichts aus, verbraucht aber ca. 20 % der Energie. ATP wird in den Mitochondrien produziert. Studien zeigen, dass bei Depressionen häufig:
die mitochondriale Funktion reduziert ist
die Energieproduktion der Nervenzellen geringer ist
oxidativer Stress erhöht ist
Zwei natürliche Stoffe, die hier relevant sind:
Kreatin
Kreatin ist eine stickstoffhaltige organische Säure, die auf natürliche Weise im Körper synthetisiert und vor allem durch Ernährung aufgenommen wird. Durch seine Rolle als Gehirnenergiepuffer, Antioxidans und Neuroprotektonsmittel mildert Kreatin schädliche Prozesse im Gehirn, die im Rahmen von Depressionen auftreten, ab. Es dient als schneller Energiespeicher für ATP. Vor allem Frauen scheinen besonders von Kreatin zu profitieren. Eine Supplementierung mit 5 g/Tag zusammen mit einem Antidepressiva konnte bei Frauen depressive Symptome schneller und stärker reduzieren als in der Placebogruppe. (Lyoo et al., 2012, 2016) Gleiches gilt für eine Kreatin-Supplementierung zusammen mit einer kongnitiven Verhaltenstherapie. (Sherpa et al. 2025)
Wo Kreatin in der Ernährung vorkommt und warum Veganer und Vegetarier stärker von einer Supplementierung profitieren
Kreatin kommt natürlicherweise vor allem in tierischen Lebensmitteln vor, insbesondere in Rindfleisch, Schweinefleisch, Geflügel und Fisch (z. B. Lachs, Thunfisch, Hering). In pflanzlichen Lebensmitteln kommt Kreatin praktisch nicht vor.
Der menschliche Körper kann zwar selbst Kreatin herstellen (vor allem in Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse), allerdings zeigen Studien, dass Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung häufig niedrigere Kreatinspeicher im Körper haben. Das ist einer der Gründe, warum manche Studien bei vegetarisch lebenden Menschen stärkere Effekte einer Kreatin-Supplementierung beobachten.
Acetyl-L-Carnitin
Acetyl-L-Carnitin ist ein Molekül, das eine wichtige Rolle beim Transport von Fettsäuren in die Mitochondrien spielt und auf diese Weise die Energieproduktion unterstützt. Niedrige Spiegel wurden bei Menschen mit Depressionen beobachtet. Eine Supplementierung konnte Symptome lindern. (Veronese et al., 2018). Allerdings ist noch weitere Forschung notwendig.
2. Glukose- und Insulinstoffwechsel
Insulinresistenz und Störungen im Glukosestoffwechsel werden zunehmend mit Depressionen in Verbindung gebracht, denn
Menschen mit Insulinresistenz und Diabetes Typ II haben ein höheres Risiko für Depressionen.
Eine gestörte Glukoseverwertung kann die Energieversorgung von Nervenzellen beeinträchtigen.
Auch Entzündungsprozesse und hormonelle Stressreaktionen können beteiligt sein.
Lebensstilfaktoren, die den Glukosestoffwechsel stabilisieren, sind:
weniger und komplexe Kohlenhydrate statt Zucker und raffinierte Produkte
eiweißreiche Kost und Fette mit unterschiedlichen Fettsäureprofilen
- Essenspausen
moderate Bewegung
3. Ernährung und psychische Gesundheit
Entsprechend können verschiedene Ernährungsansätze Stimmung und Depressionen positiv beeinflussen:
Mediterrane Ernährung – reich an Gemüse, Obst, Fisch, gesunden Fetten: Studien zeigen reduzierte Depressionsrisiken (Jacka et al., 2017)
Ketogene Ernährung / Low-Carb – in ersten Studien Verbesserung von Stimmung und kognitiver Energie, vermutlich durch Stabilisierung von Blutzucker und Energieproduktion in Gehirnzellen (Bostock et al., 2017)
Diese Ansätze verdeutlichen: Ernährung kann metabolische Prozesse im Gehirn beeinflussen und ist ein möglicher Baustein in der Prävention und Stabilisierung von Depressionen.
4. Praktische Impulse für pädagogische und psychosozial beratende Fachkräfte
- Im Rahmen von Psychoedukation auf eine mögliche Rolle von Stoffwechselprozessen im Gehirn aufmerksam machen und einen möglichen Zusammenhang von Depressionen.
- Ressourcenorientiertes Gespräch über Selbstwirksamkeit initiieren.
KlientInnen mit depressiven Symptomen auf Faktoren aufmerksam machen, die sie selbst beeinflussen können wie Ernährung, moderate Bewegung, Schlafroutine.
Inbesondere Frauen (und ganz besonders vegetarisch oder vegan lebende) auf eine mögliche Rolle von Kreatin oder Acetyl-L-Carnitin aufmerksam machen, doch immer darauf hinweisen, dass eine Supplementierung nur in Abstimmung mit Ärzt*innen passieren sollte.
Wichtiger Hinweis
Die hier veröffentlichen Informationen ersetzen keine Therapie oder ärztliche Beratung. Eine Supplementierung sollte stets mit ÄrztInnen oder TherapeutInnen abgestimmt werden.
5. Wissenschaftliche Quellen
Metabolische Psychiatrie
Rosenblat JD, et al. (2022) Metabolic dysfunction in psychiatric disorders – Nature Reviews Endocrinology
https://www.nature.com/articles/s41574-022-00631-7Milaneschi Y, et al. (2020) Depression heterogeneity and biological underpinnings – Nature Reviews Molecular Cell Biology
https://www.nature.com/articles/s41580-020-0236-5
Mitochondrien & Energieproduktion
Morris G, Berk M (2015) Mitochondrial dysfunction in neuropsychiatric disorders – BMC Medicine
https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12916-015-0343-5Allen J, et al. (2018) Mitochondria and mood – Molecular Psychiatry
https://www.nature.com/articles/mp2017202
Kreatin
Yoon S, Kim JE, Hwang J, Kim TS, Kang HJ, Namgung E, Ban S, Oh S, Yang J, Renshaw PF, Lyoo IK. Effects of Creatine Monohydrate Augmentation on Brain Metabolic and Network Outcome Measures in Women With Major Depressive Disorder. Biol Psychiatry. 2016 Sep 15;80(6):439-447, online: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26822799/
- Lyoo IK, Yoon S, Kim TS, Hwang J, Kim JE, Won W, Bae S, Renshaw PF. A randomized, double-blind placebo-controlled trial of oral creatine monohydrate augmentation for enhanced response to a selective serotonin reuptake inhibitor in women with major depressive disorder. Am J Psychiatry. 2012 Sep;169(9):937-945, online: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4624319/
- Eckert I, Lima J, Dariva AA. Creatine supplementation for treating symptoms of depression: a systematic review and meta-analysis. Br J Nutr. 2025 Dec 14;134(11):947-959, online: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41189312/
- Nima Norbu Sherpa, Riccardo De Giorgi, Edoardo Giuseppe Ostinelli, Amrita Choudhury, Tenzin Dolma, Sangila Dorjee: Efficacy and safety profile of oral creatine monohydrate in add-on to cognitive-behavioural therapy in depression: An 8-week pilot, double-blind, randomised, placebo-controlled feasibility and exploratory trial in an under-resourced area, European Neuropsychopharmacology 2025, S. 28-35, online: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0924977X24007405
Acetyl-L-Carnitin
Veronese N et al. (2018) Acetyl-L-Carnitin meta-analysis – Psychosomatic Medicine
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29076953/Nasca C et al. (2018) Low acetyl-L-Carnitin in MDD – PNAS
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1801609115
Insulinresistenz / Glukosestoffwechsel
Kan C et al. (2013) Depression and insulin resistance – Diabetes Care
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23230086/Watson KT et al. (2018) Insulin resistance and depression risk – Psychoneuroendocrinology
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https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32075194/
Ernährung und psychische Gesundheit
Jacka FN et al. (2017) SMILES trial: dietary improvement in depression – BMC Medicine
https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12916-017-0791-yLai JS et al. (2014) Dietary patterns and depression – Am J Clin Nutr
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https://www.nature.com/articles/s41398-020-0741-x