Mit Kindern ins Gespräch kommen, wenn ein Elternteil Suizid begeht – neues Kinderbuch erschienen

Die erfahrene Trauerbegleiterin Chris Paul hat das Kinderbuch „Gelbe Blumen für Papa“ geschrieben, das neu erschienen ist. Das Buch ist aus Sicht des 8-jährigen Tomke und aus seinem einjährigen Rückblick geschrieben. „Es hat das ganze Jahr gedauert, bis ich verstanden habe, wie man an daran (Depressionen) sterben kann.“ so die einleitenden Worte von Tomke. Der Junge lebt nach dem Suizid seines Vaters zusammen mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester Nina und erfährt erst nach der Beerdigung von seiner Mutter, dass sein Vater von einer hohen Brücke in den Tod gesprungen ist. 

Intention der Autorin

Mit dem Buch wendet sich die Autorin Chris Paul an Familien mit Kindern ab ca. acht Jahren, in denen sich jemand das Leben genommen hat, sowie an TrauerbegleiterInnen und PädagogInnen. Ihr Fokus liegt auf der Bewältigung der Trauer nach einem erfolgten Suizid und zeigt die unterschiedlichen Trauerreaktionen und Bewältigungsstrategien einer Familie. Mit Hilfe des Buchs will die Autorin dazu beitragen, dass ein ehrliches Gespräch über die Todesursache ermöglicht wird. Außerdem möchte sie eine Erinnerungskultur zeigen, die sich auf positive Bindungsfaktoren konzentriert – in ehrlicher Anerkennung der Belastungen, die die Erkrankung (im Fall des Buches eine chronische Depression) für die ganze Familie mit sich gebracht hat.

Buch vollständig gelesen von der Autorin

Gedanken zum Buch von Katja Beeck

Die Autorin hat ein berührendes Buch zu einem sehr wichtigen Thema geschrieben. Allein über den Tod eines Elternteils mit Kindern ins Gespräch zu kommen, fällt schon vielen Eltern, aber auch anderen Bezugspersonen der Kindern schwer. Die Gründe dafür sind vielfältig. Suizid als Todesursache erschwert es vielen noch einmal, mit Kindern als Hinterbliebenen ins Gespräch zu kommen. Kinderbücher können dabei sehr hilfreich sein – für die Kinder selbst und ihre erwachsenen Bezugspersonen. Für noch wichtiger halte ich aber – wie auch bei der Gesprächsführung mit Kindern im Kontext einer psychischen Erkrankung ihrer Eltern – das direkte Gespräch mit Kindern losgelöst von Büchern.

Das Buch „Gelbe Blumen für Papa“ ist ein gelungenes Plädoyer, Kindern auch beim Tod ihres Elternteils durch Suizid ehrlich zu begegnen, Fragen, die Kinder dann unweigerlich beschäftigen („Hatte Papa Schmerzen beim Tod“) ernst zu nehmen und aufzugreifen. Es ermöglicht betroffenen Kindern, sich in den Reaktionen der Protagonisten wieder zu finden, u.a. auch dass eine Mutter erst zeitlich leicht verzögert den Grund des Todes ihren Kindern erzählt und ihnen zunächst auch kein Foto vom toten Vaters zeigt. Fragen, die Kinder sich häufig bei psychischen Erkrankungen zusätzlich stellen wie „Warum hat der Papa denn nicht mehr angestrengt mit seiner Depressionskrankheit? Warum ist er nicht gesund geworden?“ werden vom Protagonisten gestellt und von der Oma der Kinder beantwortet. In der Geschichte wissen die Kinder, dass ihr Vater sich von einem Arzt wegen Depressionen behandeln ließ.

Gerade bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Psychosen ermutigen Angehörige (auch Kinder) den Erkrankten oft, sich Hilfe zu holen und dieser lehnt diese ab. Dann fragen sich Kinder „Warum hat Mama/Papa keine Hilfe angenommen?“ oder „Warum hat keiner Mama/Papa rechtzeitig geholfen?“.

Da die Situationen betroffener Familien doch sehr unterschiedlich sind und kein Buch auf alle Konstellationen und damit verbundene Fragen eingehen kann, hätte ich mir mehr generelle Hinweise für eine stärkende Gesprächsführung mit Kindern in diesem Kontext gewünscht, die den Erwachsenen, die das Buch mit den Kindern zusammen lesen mehr Sicherheit geben, wenn durch das Buch auch Fragen auftauchen, die so nicht im Buch beantwortet sind, aber auftauchen. Das würde gerade Angehörige der Kinder entspannen, die oft sehr unsicher sind und manchmal auch Angst vor möglichen Fragen der Kinder haben.

Viele nach dem Verlust eines geliebten Menschen hervorgerufenen Gefühlszustände werden im Buch sehr gelungen dargestellt und die zugehörigen Emotionen teilweise auch namentlich benannt (wichtig!) so wie Trauer und Wut. Weitere Gefühle wie Schuld und Hilflosigkeit, die bei Kindern nach Tod eines Elternteils durch Suizid im Rahmen einer psychischen Erkrankung oft auftreten und beschäftigen, werden dargestellt, aber nicht namentlich benannt. Nicht im Buch thematisiert ist die Angst vor allem im Hinblick auf die eigene Zukunft und eine eigene psychische Erkrankung: Kann ich diese Erkrankung auch bekommen? Wie geht es mit uns als Familie weiter, wenn Papas Einkommen fehlt? Können wir hier wohnen bleiben? Das sind Fragen, die vor allem die ältere Schwester beschäftigen werden. Vielleicht könnten sie in einem Buch, das aus deren Sicht geschrieben wird, oder in einem Begleitheft thematisiert werden.

Stärkung der Resilienz von Kindern

Der Tod eines Elternteils erschüttert minderjährige Kinder in einem ganz besonderen Maße. Der Tod mit seiner Endgültigkeit und wenn er wie bei Suizid, einem Unfall oder einem Gewaltverbrechen auch noch völlig unerwartet eintritt, verursacht bei betroffenen Kindern oft extreme Hilflosigkeit und Verzweiflung und kann ihren Blick in die Welt nachhaltig prägen. Neben der Darstellung von Themen, die betroffene Kinder beschäftigen und einer Identifikationsmöglichkeit mit den Gefühlen des Protagonisten ist ein Buch für Kinder besonders hilfreich, wenn der kindliche Protagonist hilfreiche Verhaltensweisen aufzeigt, die die Resilienz eines Kindes fördern – allen voran Möglichkeiten aufzeigt, was sie selbst machen können, damit das Kind wieder Selbstwirksamkeit erleben.

Das Kinderbuch „Gelbe Blumen für Papa“ regt Kinder zu folgende hilfreichen Bewältigungsstrategien an:

  • den anderen Familienangehörigen Fragen zum Thema stellen, sich mit ihnen austauschen
    Tomke tauscht sich mit seiner Oma, Schwester und Mutter aus und fragt sie
  • mit anderen Kinder Zeit zu verbringen, die in einer ähnlichen Situation sind und viel Verständnis füreinander haben:
    Im Buch hat Tomke einen neuen besten Freund gefunden, dessen Elternteil an Krebs gestorben ist. Leider lässt das Buch es offen, wie Tomke seinen Freund gefunden hat, z.B. über Trauergruppe für Kinder oder offenes Gespräch in der Klasse zum Thema Tod – hier wäre es im Sinne der Selbstwirksamkeit hilfreich, wenn aktive Strategien aufgezeigt werden, wie Tomke diesen Freund findet
  • etwas machen, das der Verstorbene mochte und die Familie mit ihm verbindet:
    Im Buch isst die Familie Pfannkuchen nach Papas Rezept und singt sein Lieblingslied
  • etwas vom Verstorbenen übernehmen, was diesem wichtig war und das Kind auch gerne mag:
    Im Buch lernt Tomke Ukulele spielen, sein Vater liebte Gitarre zu spielen.
  • an Ritualen festzuhalten und diese der neuen Situation anzupassen, etwas Neues ausprobieren
    so wie im Buch die Familie Weihnachten wieder mit Weihnachtsbaum feiert und ein Stück vom Baum zum Grab des Vaters bringt; Tomke dekoriert den Zweig für seinen Vater
  • einen Brief an den verstorbenen Elternteil zu schreiben und auf diese Weise Gedanken mit ihm zu teilen
    wie es Tom zum Schluss macht
  • Fantasie nutzen, sich vorstellen, dass der verstorbene Elternteil immer bei einem ist und man Teil von ihm bleibt
    Tomke stellt sich z.B. seinen Vater im Himmel vor, als er am Meer sitzt und auch im Brief an seinen Vater

Fragen, die das Lesen des Buches bei mir aufgeworfen hat

Sich von geliebten verstorbenen Menschen zu verabschieden und Kinder mit in den Beerdigungsprozess einzubeziehen (selbstverständlich in Absprache mit ihnen) halte auch ich für Kinder für sehr wichtig, damit diese den Verlust besser verarbeiten können. Den Tod eines geliebten Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu be-greifen ist für viele Angehörige dabei sehr hilfreich, auch für Kinder. Diese grundsätzliche Haltung – so mein Eindruck – ist zum Glück auch mittlerweile bei Bestattern angekommen. Ist der Körper des Elternteils wie im Kinderbuch nicht völlig entstellt (Verband um den Kopf, Pflaster auf dem Kinn) und der Gesichtsausdruck des Elternteils sieht „friedlich“ aus, wäre auch meine Haltung klar. Beim Lesen des Buches kamen bei mir in diesem Zusammenhang trotzdem sofort Fragen auf: Sollte Kindern ihr toter Elternteil oder ein Foto von diesem auch gezeigt werden, wenn der Körper von diesem völlig entstellt aussieht? Es lässt sich von Seiten von Bestattern sicher schon viel machen, dass das nicht der Fall ist. Aber gerade der Kopf bei einem Sprung von einer Brücke stark zerschmettert oder durch eine Kugel zerstört wurde, gibt es da nicht auch Grenzen? Und wer entscheidet am besten, ob eine solche Grenze bei einem Kind erreicht ist? Erwachsenen und älteren Kindern/Jugendlichen kann diese Entscheidung selbst überlassen werden, aber jüngeren Kindern? Kann so ein Bild im Einzelfall Kinder nicht auch weniger beruhigen, sondern verstören? Oft wird in diesem Zusammenhang gesagt, dass die Vorstellung oft schlimmer als die Realität sei. Auf der Suche nach Antworten habe ich einen Artikel von einem ehemaligen Bestatter gefunden. Dieser hat für die Fälle, in denen Körperteile von Toten extrem entstellt/zerstört waren, den Abschiednehmenden den Körper gezeigt und die entsprechenden Teile abgedeckt und die Entscheidung den erwachsenen Angehörigen überlassen, ob sie alles sehen wollen.

Je nach konkreter Durchführung des Suizids wird eine ehrliche Antwort auf die Fragen des Leidens des Elternteils vor Todeseintritt auch unangenehm sein und ein Kind wenig trösten. Wie kann ich damit umgehen? Was ist, wenn es konkrete Hinweise gab, dass jemand im letzten Moment doch nicht sterben wollte?

Fazit

Ein wichtiges und gelungenes Buch, das sicher vielen Kindern und Familien hilft, die sich in einer ähnlichen Situation wie die Familie im Buch befindet. Ein Beiheft oder ein ausführlicherer Teil im Buch ist wichtig für die Menschen, die mit Kindern das Buch gemeinsam lesen oder es sich kaufen, um mit den Kindern über den Suizid eines Elternteils ins Gespräch zu kommen und Kinder zu stärken. Als Begleitmaterial kann die Broschüre „Suizidtrauer bei Kindern und Jugendlichen angstfrei unterstützen“ der Autorin genutzt werden (vgl. Links).

Links & Materialien zum Thema

Broschüre „Suizidtrauer bei Kindern und Jugendlichen angstfrei unterstützen“ von Chris Paul zum kostenlosen Download
Die Broschüre soll Anregungen geben für Erwachsene, sowohl für Eltern als auch fachliche Begleiter, um mit Kindern und Jugendlichen den Suizid-Tod eines nahe stehenden Menschen zu erfassen, altersgerecht in das kindlich-jugendliche Weltbild einzufügen und darüber zu sprechen. In ihr wird auf Fragen z.B. nach der Wahl der Worte, des Zeitpunktes oder den möglichen Reaktion von Kindern eingegangen. Die Erfahrungen Suizidbetroffener, vor allem von überlebenden Elternteilen, Informationen aus Gesprächen mit Erwachsenen, die als Kind einen Suizid erleben mussten und das Wissen aus der Trauerbegleitung von Kindern wird praxisorientiert zusammengefasst.

AGUS – Angehörige um Suizid
Bundesweite Selbsthilfeorganisation für Trauernde, die einen nahe stehenden Menschen durch Suizid verloren haben. Dabei ist es unerheblich, wie lange der Suizid her ist.

Interview einer 24-jährigen Sozialpädaogin, die mit 14 Jahren ihren Vater durch Suizid verloren hat

Sonderausstellung „Suizid – Let´s talk about it“ (10.09.21- 27.02-2022) im Sepulkralmuseum in Kassel berücksichtigt zwar die Sichtweise von Angehörigen, thematisiert aber nicht speziell die Perspektive von Kindern, die ihre Eltern auf diesem Weg verlieren.