Hinweis:

Der Erkrankung der Eltern nimmt viel Platz im Leben der Kinder ein - zu viel Platz. Daher soll ihr auf dieser Website so wenig Raum wie möglich, aber so viel Raum wie nötig zur Verfügung gestellt werden. Da die Problematik der Kinder allerdings eng mit der elterlichen Erkrankung verknüpft ist, wird in dieser Rubrik besonders auf entsprechende Informationen im Web hingewiesen.

Psychische Krankheit - ein Definitionsversuch

Wann sind Eltern bzw. Menschen psychisch krank? Es gibt genügend Menschen, die sich eigenartig verhalten oder sich merkwürdig benehmen. Besonders bei Persönlichkeitsstörungen ist der Übergang von "Macke"bzw. ausgeprägten Persönlichkeit zur Störung fließend.

Definitionsversuch bei Wikipedia

"Eine psychische oder seelische Störung ist eine erhebliche Abweichung von der Norm im Erleben oder Verhalten, die die Bereiche des Denkens, Fühlens und Handelns betrifft und mit psychischem Leiden auf Seiten der Betroffenen einhergeht."

Letzteres Kriterium ist insbesondere bei Manien oder auch Schizophrenien schwierig, da hier krankheitsbedingt der Realitätsbezug fehlt.

Hinweis zur Erklärung psychischer Störungen

Als in der Praxis hilfreich zur Erklärung psychischer Störungen/Krankheiten hat sich die Einteilung in die Rubriken

  • Gefühle und Denkmuster (für andere unsichtbarer Bereich)
  • Verhaltensweisen und körperliche Symptome (für andere sichtbarer Bereich)

erwiesen. Anhand dieser Einteilung - vor allem der sichtbaren Symptome - kann sortiert werden, was zur jeweiligen Krankheit gehört. Gerade Kinder können dann gefragt werden, was sie glauben, warum derjenige so handelt. Sie werden das krankhafte Verhalten oft auf sich beziehen und nicht an die Denkmuster und Gefühlswelten des Erkrankten koppeln. So kann behutsam mit ihnen erarbeitet werden, dass das krankheitsbedingte Verhalten des Elternteils mit ihrem Verhalten nur auf den ersten Blick zu tun hat.

Einteilung und Diagnostik psychischer Störungen

Die Klassifikation psychischer Störungen war lange Zeit länderspezifisch sehr unterschiedlich und hing auch von psychologischen oder medizinischen ab. Bis heute werden einzelne Aspekte der Klassifikationsansätze kontrovers diskutiert. Im Wesentlichen spielen heute zwei Diagnose- und Klassifikationsschemata eine Rolle in der klinischen Anwendung:

  • das weltweit in der Anwendung verbreitete ICD-10 (demnächst 11) der WHO, das auch in Deutschland angewendet wird und
  • das besonders in der psychiatrischen und psychologischen Forschung gebräuchliche DSM-IV (demnächst V) der American Psychiatric Association

Diagnosen, die nach diesen Einteilungen gestellt werden, berücksichtigen Denkweisen, Gefühlszustände und Verhaltensweisen sowie körperliche Symptome des betroffenen Menschen. Wenn die Diagnostik-Manuals demnächst überarbeitet werden, werden weitere Diagnosen möglich sein wie beispielsweise Burnout.

Spezialisierung von "Netz und Boden" auf bestimmte Störungen

Die Initiative "Netz und Boden" hat sich auf bestimmte psychische Störungen seitens der Eltern spezialisiert:

Das hängt mit den Wurzeln der Initiative, die in der Selbsthilfe liegen, zusammen. Dort kamen vor allem Kinder zusammen, deren Eltern unter den ersten beiden Störungsbildern (chronisch) litten. Hier war der Unterstützungsbedarf der Kinder selbst als Erwachsene enorm. Diese Erfahrungen spiegeln sich auch bei den anderen Angehörigengruppen psychisch Kranker wieder. Vor allem Kinder psychotischer Eltern sind - oft bis zum Tod der Eltern - speziellen Belastungen ausgesetzt, die vor allem mit dem völligen Realitätsverlust des Erkrankten und den gesetzlichen Bestimmungen zur Behandlung bei Psychosen einher gehen.

Das Störungsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung hat "Netz und Boden" aufgegriffen, da es oft als Folge in zweiter Generation auftrat, wenn Kinder vor allem bei psychotischen, allein erziehenden Müttern aufgewachsen sind.

Diese Spezialisierung und Begrenzung auf die oben genannten Krankheitsbilder bedeutet jedoch nicht, dass Kinder, deren Eltern unter anderen Störungsbildern leiden, nicht auch belastet sind und Unterstützung benötigen.

Psychosen - Schizophrenie und Manien

Psychosen wurden früher in ihre Entstehungsweise unterteilt, in exogene (von außen her ausgelöste Psychose, z. B. durch einen Gehirntumor) und endogene Psychosen (aus dem Inneren des Organismus entstehende Psychose). Psychosen werden außerdem in schizophrene, schizo-affektive und affektive Psychosen aufgeteilt.

1. Schizophrene Psychose (schizo = griech, spalten)

Die schizophrene Psychose, kurz Schizophrenie genannt, ist die wohl bekannteste Psychose. Rund 1 Prozent der Gesamtbevölkerung (= ca. 800 000 Personen in Deutschland) leidet im Laufe seines Lebens an Schizophrenie, wobei nur jeder Dritte sich ärztlich behandeln lässt; Frauen und Männer sind nahezu gleich oft betroffen. Wortwendungen wie "Bist Du schizophren?" sind in aller Munde, doch trotzdem können die meisten Menschen mit der Krankheit wenig anfangen: Sie haben eine vage Vorstellung von bestimmten Krankheitszeichen, die befremden, vielleicht sogar Angst und Schrecken verbreiten, was durch die Darstellung in den Medien verstärkt wird, aber Genaues weiß man letztlich nicht. "Schizophrenie, das heißt doch, dass jemand gespalten ist, also zwei Persönlichkeiten hat. Das sind Geisteskranke, die hören und sehen Dinge, die es in Wirklichkeit nicht gibt." Das ist die weit verbreitete Laienvorstellung, die zwar nicht falsch, jedoch einseitig ist. Andererseits bringt es auch nichts, wenn die tatsächlich irritierenden oder schockierenden Symptome selbst von Fachleuten unterschlagen oder zumindest beschönigt werden. Da es mehrere Untergruppen der Schizophrenie gibt, so dass eigentlich von Schizophrenien gesprochen werden müsste, und der Krankheitsverlauf vom einmaligen Schub bis zum chronischen Verlauf reicht, ist die Bandbreite der Symptome und ihrer Ausprägungsstärke groß.

Charakteristische Schizophrenie-Symptome laut der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10) sind:

  • Gedanken, die eingegeben oder entzogen werden, die sich laut äußern oder sich gar auf andere Personen auszubreiten scheinen.
  • Das Gefühl, auf widernatürliche Weise beeinflusst und kontrolliert zu werden (z. B. Gedanken, Bewegungen, Empfindungen als "von anderen gemacht" zu erleben).
  • Wahn, vor allem wahnhafte Beeinflussung und Verfolgung, aber auch Größenwahn, Liebeswahn usw., evtl. komplizierte Wahnsystemen.
  • Halluzinationen, also Sinnestäuschungen bezüglich Geruch, Geschmack und Tastsinn, vor allem aber Gehör (der Betreffende glaubt, vergiftet, bestrahlt, elektrisiert zu werden und/oder Stimmen zu hören)
  • Einschiebungen in den Gedankenfluss, die zu Wortneubildungen und zu einer unverständlichen Sprache führen, bis hin zur "Zerfahrenheit".
  • Erregung oder Erstarrung bis hin zur Bewegungslosigkei, einschließlich Verstummen.

Durch die krankhaften Erlebnisse verändern sich die erkrankten Menschen. Charakteristische Veränderungen sind:

Auftreten: distanzlos, enthemmt, ungeniert, albern, frech, schnippisch, skurril

Äußeres Erscheinungsbild: sonderbare, eigenwillige, auffällige Kleidung, mangelnde Körperpflege, wallendes Haupthaar, langer Bart, extremes Make-up bis hin zur "erschreckenden Kriegsbemalung"

Gestik / Bewegung: starr, steif, eckig, ruckartig, abgehackt, verzerrt, abrupt, fahrig

Mimik: Der Gesichtsausdruck ist scheinbar grundlos gespannt, geladen, argwöhnisch, misstrauisch, verängstigt, versonnen, unbegründet beglückt, unfreundlich-ablehnend oder leer, steif, starr, hoheitsvoll oder gar bedrohlich bis hin zur Grimasse; oft tritt ein "Schizophrener Blick" auf, ein symptomatischer Augenausdruck, der oft verstört, ratlos, ängstlich, aber auch aggressiv, brennend, stechend und auf die Umwelt sehr irritierend, beängstigend oder bedrohlich wirkt.

Sprache / Schreibstils / Schrift: "Stelzensprache" verschroben, mit ungewohnter, gesuchter, abstrakter und geschraubter Redeweise und hochtrabenden Formulierungen; Wortneubildungen, sprachliche Wiederholungen, Entwicklung einer persönlichen Geheimsprache oder ordinär-sexualisierte Wortwahl; Schrift wird symbolträchtig "verschlüsselt"

2. Manien

Es gibt bei den affektiven Störungen unipolare und bipolare Verläufe (manisch-depressive Störung). Unipolar sind beispielsweise reine Depressionen. Dann gibt es noch Depressionen im Wechsel mit Manien. Menschen, die ausschließlich Manien ohne Depressionen entwickeln, sind mir in der Praxis noch nicht begegnet.

Kennzeichen der Manie sind :

1. Affektstörungen: Inhalts- bzw. motivlos gehobene Stimmung mit mitreißender Heiterkeit und strahlendem Optimismus, die jedoch umschlagen kann in gereizte Missstimmung bis hin zu stark verbalen Aggressionen und Tätlichkeiten gegen Personen oder Mobiliar, insbesondere wenn der Maniker sich in seiner Aktivität behindert fühlt. Diese Enthemmung ist charakteristisch, von (anzüglichen) Witzen bis hin zu Beleidigungen, Dabei kennt der Maniker keine Grenzen und nimmt auch die Grenzen anderer Menschen nicht war.

2. Störungen des Antriebs: Krankhaft gesteigerter Taten- und Beschäftigungsdrang, unermüdliche Betriebssamkeit einhergehend bei einem gesteigerten seelisch-körperlichen Wohlbefinden mit einem gemindertem bzw. keinem Schlafbedürfniss, z. B. Schreibexzesse, nächtliche Aufräumaktionen, Überlautstärke(z. B. bei Musik) zu jeder Tages- und Nachtzeit Jedes Verhältnis zum Geld fehlt, Kaufrausch bis hin zur Verschwendersucht, es werden objektiv nutzlose Gegenstände gekauft und teilweise auch verschenkt, Verträge geschlossen, Geld gespendet, verspielt oder verschenkt, Schulden aufgenommen, Firmen gegründet, Katalogsangebote aufgekauft, etc.; der Maniker will immer im Mittelpunkt sein und hat einen direkten oder indirekten Bewegungsdrang: Maniker laufen ziellos weite Strecken, verreisen spontan wahllos oder haben eine schnelle, laute und kaum zu unterbrechende Sprechweise, eine theatralisch wirkende Mimik, dramatische Gesten, Reden oder gar Gesänge. Dabei ist der gesteigerte Rededrang mit einem erhöhten Sprechtempo verbunden.

3. Denkstörungen: Ständiger Wechsel des Denkziels durch immer neue Einfälle, leicht ablenkbar, es wird von einem Thema zum anderen gesprungen, Wortschöpfungen bis hin zur Denkzerfahrenheit; der Maniker hat dabei kein Gefühl mehr für das Interesse seines Gegenübers.

4. Wahnzustände: einhergehend mit dem überzogenem Selbstwertgefühl und Kritikschwäche, teilweise mit grotesker Selbstüberschätzung und krankhaften Größenideen, die sich auf religiöse, sexuelle, wirtschaftliche, künstlerische, finanzielle und politische Inhalte beziehen; Liebeswahn: spontanes Verliebtsein mit unrealistischer, fast traumhafter Verklärung, Missbrauch von Substanzen mit Wirkung auf das Zentrale Nervensystem, z. B. Alkohol und Nikotin, der als solcher nicht wahrgenommen wird.

3. Schizo-affektive Psychosen

Wie der Name schon andeutet, weißt eine schizoaffektive Psychose gleichzeitig ein ausgesprochen depressives oder manisches sowie ein ausgeprägtes schizophrenes Krankheitsbild auf. Dieses Leiden tritt häufig innerhalb weniger Tage oder gar Stunden auf und äußert sich häufig dramatisch, so dass rasch psychiatrisch eingegriffen werden muss.

4. Zusammenfassung

Alle Psychosen haben folgendes gemeinsam:

  1. eine tiefgreifende Störung des Realitätsbeziehung
  2. Auftreten produktiver Symptome wie Wahn oder auch Halluzinationen und
  3. einen zeitlich wechselnden Verlauf, der die Krankheit als Einbruch in die Kontinuität der Entwicklung, der Erlebens und des Verhaltens erscheinen lässt.

Die Krankheitseinsicht dieser Menschen ist daher krankheitsbedingt herabgesetzt, so dass sie nur selten freiwillig in einem akuten Schub in ärztliche Behandlung begeben.

Quellen:

Faust, Volker: Seelische Störungen heute: Wie sie sich zeigen und was man tun kann, 1. Auflage, München 1999

Remschmidt, Helmut, Mattejat, Fritz: Kinder psychotischer Eltern. Mit einer Anleitung zur Beratung von Eltern mit einer psychotischen Erkrankung, 1. Auflage, Göttingen, Bern, Toronto, Seattle 1994

Depressionen

Depressionen werden in der Allgemeinbevölkerung häufig verwechselt mit Verstimmungszuständen und Trauerreaktionen, die beides natürliche Reaktionsweisen auf Lebensumstände sind. Auch gibt es nicht die eine Depression; es muss nach Ursache, Verlauf und Beschwerdebild unterschieden werden.

Mögliche Kennzeichen einer krankhaften Depression sind :

  1. Seelische Symptome: Verlust von Interesse und Freude; Verlust von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, Niedergeschlagenheit von abnormen Ausmaß, "tränenlose Trauer", Entscheidungsunfähigkeit, Grübeln; Hoffnungslosigkeit und Angstzustände, insbesondere Zukunftsängste; Schwermut: Lebensüberdruss bis hin zur Suizidgefahr
  2. Körperliche Krankheitszeichen: Schlafstörungen, verändertes Essverhalten: kein Appetit oder Heißhunger; psychosomatische und vegetative Beschwerden, allgemeines Elendigkeitsgefühl, sich wie zerschlagen fühlen, Merk- und Konzentrationsstörungen
  3. Störungen des Antriebs: unnatürliche tiefe Müdigkeit, verminderter Antrieb bis hin zur Apathie und seelisch-körperlicher Blockierung oder körperliche Unruhe und innere Getriebenheit
  4. Beziehungsstörungen: Unfähigkeit, mit anderen mitzufühlen, zwischenmenschliche Zuwendung und Wärme zu vermitteln, innere Leere mit Absterben aller Gefühle
  5. Depressiver Wahn: Verarmungsideen bis zum Verarmungswahn, obwohl die finanzielle Lage gut ist; Hypochondrischer Befürchtungen bis hin zum Wahn; Schuld- und Versündigungswahn; paranoide Fehldeutungen, gelegentlich Verfolgungsideen, jedoch mehr furchtsam und gedrückt, weniger reizbar und aggressiv wie bei Schizophrenen; Sinnestäuschungen, gelegentlich Halluzinationen

Weiterführende Websites/Links

Kompetenznetz Depression

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird zwischen Psychose und Neurose eingeordnet und ist ein durchgängiges Muster von Instabilität im Bereich der Stimmung, der zwischenmenschlichen Beziehungen und des Selbstbildes.

Um eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, werden folgende Kriterien herangezogen, von denen fünf oder mehr erfüllt sein müssen:

  1. Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden (außer Suizid oder Selbstverletzungen, siehe auch 5.
  2. Ein Muster an instabilen aber intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen, das sich durch einen Wechsel zwischen den beiden Extremen der Überidealisierung und Abwertung auszeichnet
  3. Identitätsstörungen: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung
  4. Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten, z.B. Geldausgeben, Sexualität, Substanzmißbrauch, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Fahren und Fressanfälle (außer Suizid oder Selbstverletzungen, siehe auch 5.
  5. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstverletzungsverhalten; Selbstmordandeutungen oder - drohungen oder Selbstverletzungsverhalten
  6. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern)
  7. Chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile
  8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen
  9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome

Quelle: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen - DSM-IV der APA (1994/1996, S. 739)

Weiterführende Informationen

www.borderline-netzwerk.de